5.2. Musikhistorie

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HIER SPIELT DIE MUSIK

Von Dirk Siepe (Musik-Journalist)

Gehört es zum Schicksal von Dortmund, dass dieser Stadt auch heute noch das Image von der Bier-, Stahl- und Kohle-Metropole anhängt? Und dass Dortmund aktuell nur in Sachen Technologie, Forschung und Fußballbegeisterung ganz vorne mit dabei ist? Nein! In Dortmund gibt es über 220 Unternehmen, die in der Musikwirtschaft tätig sind.

Und in der Musikkultur gehört Dortmund vielleicht nicht zu den tonangebenden Adressen der Welt. Verstecken muss sich Deutschlands siebtgrößte Stadt jedoch keineswegs, wie der Blick des Musikredakteurs Dirk Siepe auf die Historie von Dortmund als Musikstadt zeigt:


Die aktuelle Situation

Im Herzen Westfalens sind und waren schon seit jeher Künstler ansässig, deren Bedeutung weit über die Stadtgrenzen hinausreicht – das gilt für die U- und E-Musik gleichermaßen. Und die Zeichen stehen eindeutig auf Expansion. Im E-Bereich symbolisiert dies das 2002 eröffnete Konzerthaus an der Brückstraße. Der neue Sitz der vor 120 Jahren gegründeten Dortmunder Philharmoniker setzt nicht nur dank seiner architektonischen Originalität Maßstäbe, sondern gilt auch in punkto Akustik als leuchtendes Vorbild unter den deutschen Philharmonien. Auch für die nach Unterhaltung strebenden Massen wird Dortmund immer attraktiver. Ist mit dem Mayday in der Westfalenhalle, der seit 2008 mit neuem und größerem Floorkonzept und 2009 zum 18. Mal stattfand, eines der populärsten Techno-Events schon in Dortmund beheimatet, so steigt mit ein paar Beats pro Minute weniger, dafür aber umso abwechslungsreicherjährlich ein weiteres Spektakel für die Freunde elektronischer Tanzmusik. Das Juicy Beats im Westfalenpark hat sich im Laufe der Jahre als Open-Air-Ereignis einen solch guten Namen gemacht, dass die auftretenden Künstler „immer internationaler und größer“ werden, wie der für das Programm verantwortliche DJ Carsten Helmich berichtet. U.a. sorgten schon Deichkind, Gus Gus und die Reggaelegende Yellowman dafür, dass rund 20.000 Menschen aus allen Richtungen in den Westfalenpark pilgertenn, um sich von rund 50 Live-Acts und 80 DJs 16 Stunden lang beschallen zu lassen. Keine Frage, an großen musikalischen Events und den dafür benötigten örtlichen Kapazitäten mangelt es in Dortmund nicht. Und auch was die Arbeit im Hintergrund und an der Basis betrifft, eröffnen sich ständig neue Perspektiven. Ohne eine entsprechende Infrastruktur nutzt die größte Kreativität nicht viel, aber – was nur den wenigsten bekannt ist – auch da ist Dortmund schon jetzt bestens aufgestellt, denn die hiesige Musikwirtschaft kann mit beeindruckenden Zahlen aufwarten, wie eine kürzlich durchgeführte Bestandsaufnahme belegt: In mehr als 200 Unternehmen arbeiten knapp 4.000 Menschen, die Jahr für Jahr rund 213 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften. Von führenden Musikzeitschriften wie VISIONS und ROCK HARD über den Musikaliengroßhändler Jellinghaus bis zu Merchandise-Herstellern wie Trash Mark und Print Palace, von Labels, Verlagen; Tonstudios und Managementfirmen bis zum lokalen Privatradiosender DO 91,2 und dem Campusradio eldoradio ist in Dortmund alles vertreten, was Musiker zur erfolgreichen Ausübung ihres Berufs bzw. ihrer Passion benötigen. Darüber hinaus ist auch die Bezirksdirektion NRW der Urheberrechtsverwaltungsgesellschaft GEMA auf dem Dortmunder Südwall ansässig. Deren Umsatz ist in den oben erwähnten 213 Millionen nicht enthalten.

Tradition seit den 1940er Jahren bis heute – der Jazz

Was die Dortmunder Musikszene immer schon auszeichnete, war ihre stilistische Vielfalt. Das Fehlen einer klar definierten Szene, wie sie sich zum Beispiel an der Alster („Hamburger Schule“) oder der Spree („Aggro-Berlin“) etabliert hat, ist einer der Gründe dafür, warum das musikalische Treiben in Dortmund vom Rest der Republik bislang nur punktuell wahrgenommen wurde. Auf die längste Tradition kann der Jazz zurückblicken, der in Dortmund schon immer eine kontinuierliche Größe war. Bereits 1948 eröffnete mit dem Hot Club Dortmund ein Jazzclub, der bis 1962 Bestand hatte (sechs Jahre später trat der renommierte Jazzclub domicil das Erbe an). Sogar die Legende Duke Ellington konnte nach einem Konzert am 13. November 1949 als Ehrenpräsident gewonnen werden.

Aus der heißen Szene von damals entstand u.a. das Siggi-Gerhard-Swingtett, das sein 50-jähriges Jubiläum längst hinter sich hat. Neben dem domicil finden die Jazzfreunde z.B. mit dem Storckshof in Barop, der Alten Schmiede in Huckarde und der Nordstadtkneipe Bass eine Anlaufstelle, zudem ist im Jazzclub domicil seit 1991 auch die Förderinitiative Pro Jazz e.V. ansässig, ein freier Träger des Jazzförderkonzeptes der Stadt Dortmund, der auch als Veranstalter des Internationalen Jazzfestivals ‘europhonics’ sowie als Herausgeber von zwei programmatisch betitelten CD-Samplern „Jazz aus Dortmund“ positiv in Erscheinung getreten ist.

Die 1970er Jahre und Love and Peace

Auch in Dortmund waren die Hippies äußerst umtriebig. Im Bereich der politisch motivierten Folk- und Rockmusik waren beispielsweise die seit 1979 aktiven Cochise ein bundesweit anerkanntes Sprachrohr der Friedensbewegung, den Antiatomkraftaktivisten und der Hausbesetzerszene. Über tausend Konzerte und sechsstellige Plattenverkaufszahlen ohne jeglichen Werbeaufwand sprechen für sich. 1980 folgte mit Ape, Beck & Brinkmann eine weitere überregional erfolgreiche Folkrock-Gruppe mit politischer Botschaft und wenig später ging das vielköpfige Brass-Ensemble Schwarz-Rot Atemgold 09 an den Start, das auch heute noch im Auftrag der Spaßguerilla unterwegs ist.

Die 1980er Jahre – von Punk, Wave und Disco

1980 eröffnete der Plattenladen Last Chance Records am Königswall direkt gegenüber des Hauptbahnhofs, der für die Entwicklung der Dortmunder Musikszene eine eminent wichtige Rolle spielte. Das hauseigene Label Last Chance Records veröffentlichte ab Mitte der Achtziger Platten von Dortmunder Bands, die auch bundesweit ausgesprochen gut ankamen. So avancierten die Neo-Western-Psychedelic-Rocker The Multicoloured Shades mit ihrer unbetitelten Debüt-EP und dem Album „House Of Wax“ damals zu den großen Rock-Hoffnungen des Landes, konnten einen Major-Deal ergattern und feierten mit Hits wie „Teen Sex Transfusion“ Achtungserfolge.

Auch die Platten der 1985 gegründeten EBM-Formation The Invisible Limits sowie des Ablegers The Invincible Spirit verkauften sich ohne großen Marketingaufwand äußerst beachtlich, ihre ersten Singles „Love Is A Kind Of Mistery“, „Devil Dance“ und „Push!“ waren veritable Clubhits, die selbst die DJs in süddeutschen Discotheken nur schwerlich ignorieren konnten. The Fair Sex waren ein weiteres lokales Aushängeschild des L.C.R.-Labels, das es auf über 30 Veröffentlichungen brachte. The Fair Sex und The Invincible Spirit sind auch heute noch aktiv, die Multicoloured Shades dagegen für immer Geschichte, denn ihr Sänger Pete Barany starb im April 2002 an einer Überdosis Tabletten.

Auch das Leben von Bert Schlexer, dem charismatischen Bassisten, Sänger und Songwriter der famosen Dortmunder Sixties-Psychedeliker Yellow Sunshine Explosion, fand ein viel zu frühes Ende. Nachdem Y.S.E. 1987 auf einem Berliner Undergroundlabel L.S.D. Records ihr in der Acid-Rock-Szene viel beachtetes Debütalbum herausgebracht hatten, erspielten sie sich bis in die frühen Neunziger eine treue Gefolgschaft. Aus einem Zusammentreffen mit dem Ex-Can-Sänger Damo Suzuki entwickelte sich eine enge Freundschaft, die wiederum in gemeinsamem Schaffen resultierte. Zu Damo Suzuki & Friends bzw. der Damo Suzuki Band gehörte auch der Dortmunder Gitarrist Alex Schönert, der als Teenager seine ersten musikalischen Sporen in der Heavy Metal-Combo Flaming Anger verdiente. Schönerts heutige Band, das Rock-Quartett Jelly Planet, benannte 2005 ihr zweites Album als Hommage an die Zeiten mit Bert Schlexer & Co. „Yellow Sunshine Explosion“.

Disco, Rock und Pop seit den 1980er Jahren

Man könnte die Beispiele für die Vielfalt Dortmunder Musikkultur noch endlos weiterführen: Die Strandjungs, eine Dortmunder Beach-Boys-Revivalband, führten 1984 mit „Surfen auf’m Baggersee“ die ZDF-Hitparade an, die Ace Cats konnten zur gleichen Zeit mit ihrem poppigen Rockabilly diverse Songs in den Verkaufscharts platzieren, The Raymen überzeugten als authentische deutsche Antwort auf The Cramps, Ex-Cochise-Schlagzeuger Peter Freiberg schwamm mit seinen Conditors erfolgreich auf der Neuen Deutschen Welle und das Rocktheater Nachtschicht sorgte mit seinen respektlosen Chaos-Performances allerorten für ausverkaufte Häuser.

Eine halbe Generation später landete der HipHop-Fan Jens Albert unter dem Namen Der Wolf mit „Gibt’s doch gar nicht“ und „Oh Shit, Frau Schmidt“ zwei Megahits, doch der „realen“ Rap-Szene um Too Strong oder Koma Mobb war diese Mainstream-Version des Rap viel zu harmlos. Doch Reibung innerhalb der HipHop-Szene kommt der Kreativität zugute und ganz am Rande sang sich ein junger Mann unter dem Pseudonym Lee Buddah mit relaxtem Groove in die Herzen der Freunde origineller Wortspielereien. Auch im Rockbereich zeigte sich Dortmund in den Neunzigern erneut von seiner erfrischenden Seite. Ein smarter Typ aus Soest sammelte mit der Dortmunder Band Junkfood erste Bühnenerfahrungen. Heute ist Sasha einer der erfolgreichsten Popstars des Landes. The Secrets Of Cash’n’Carry brachten zwischen 1990 und 1994 drei feine Alben mit eigenwilligem Gitarrenrock heraus, die Chainsaw Hollies wurden gar von Oasis persönlich als Toursupport eingeladen und die seit 1985 Trends setzende Indie-Band Phillip Boa & The Voodooclub veröffentlichte 1993 mit „Boaphenia“ das erfolgreichste Album ihrer beeindruckenden Karriere.

Statt diesen Weg weiterzugehen, widmete sich Boa im Anschluss dem Metalprojekt Voodoocult, das mit Schlagzeuger Dave Lombardo (Slayer), den Gitarristen Chuck Schuldiner (Death), Mille Petrozza (Kreator) und Waldemar Sorychta (Despair) gestandene Superstars des Heavy Metal im Line-Up vereinen konnte. Nach zwei Alben löste Boa Voodoocult wieder auf, doch die Bekanntschaft von Sorychta und dem amerikanischen Ausnahmedrummer Lombardo trug weitere Früchte. Als Grip Inc. produzierten die beiden mit Sänger Gus Chambers zwischen 1995 und 2004 vier hoch gelobte Alben. Lombardo ist unbestreitbar eine Klasse für sich, doch mit Jörg Michael gibt es auch einen echten Dortmunder Weltklasse-Drummer, der nach Gastspielen bei u.a. Saxon, Running Wild, Grave Digger und Mekong Delta nun seit mehr als einer Dekade festes Mitglied bei den technisch extrem versierten finnischen Power-Metallern von Stratovarius ist.

Die 1990er Jahre und der weiße Reggae aus Dortmund

Mit dem Tod des vor gut zwei Jahren verstorbenen Ulrich Schmidt-Salm hat die Dortmunder Musikszene den Verlust einer weiteren einzigartigen Persönlichkeit zu beklagen. Der Musiker und Produzent Schmidt-Salm war ein herausragendes Beispiel für den Einflussreichtum und die Breitenwirkung des Dortmunder Musikgeschehens, denn unter dem Namen Natty U hatte er etwas Einmaliges geschafft: Der Sound des ersten bekannten weißen Reggae-Sängers aus Deutschland, der 1992 mit einer Dub-Version des Cure-Hits „Boys Don’t Cry“ seinen größten Erfolg feierte, wurde sogar auf Jamaika mit Begeisterung gehört.

Begonnen hatte Schmidt-Salm seine musikalische Laufbahn bei der 1976 gegründeten Punkband The Neat, die vom Musikmagazin SOUNDS zur ersten deutschen Punkband überhaupt erklärt worden war. Denn auch als Mitte der Siebziger der Punkrock die Musikwelt auf den Kopf stellte, war Dortmund ganz vorne mit dabei. Als Aushängeschild der Ur-Punkszene gelten The Clox, deren erstes Album „For You & Me“ allerdings erst im Jahre 1983 erschien. Die bekannteste und erfolgreichste Dortmunder Punkband schließlich waren The Idiots, wobei man Namen wie Rostok Vampires oder Rimshout nicht unterschlagen darf.

Sir Hannes Smith, ehemaliger Frontmann der Idiots und seit nunmehr 20 Jahren auch der Betreiber des Punk-, Metal- und Hardcore-Plattenladens Idiots Records in der Rheinischen Straße, gründete Anfang der Neunziger die Phantoms Of Future, die es mit einer wahnwitzigen Mischung aus Punk, Metal, Wave und Alternative Rock zu einem Majordeal und auf insgesamt acht Alben brachten. Seit der mit dem Abschiedskonzert an Weihnachten 2001 besiegelten Auflösung der Band sorgt der geborene Entertainer Hannes Schmidt nun mit dem schrägen Projekt Honigdieb für Aufsehen, Drummer Olaf Bolte hat mit Ruhrcraft ein neues Projekt gegründet, Dr. Krid spielt Gitarre bei Die Diener und Bassist Paul Eisenhauer, der übrigens schon bei The Neat den Bass bediente, ist heute Manager von Jelly Planet. Auch das zeichnet die Dortmunder Musikszene neben ihrer Kreativität aus: Fällt man hin, steht man eben wieder auf. Ein Ende ist immer auch ein neuer Anfang.

Und was noch gut kommt ...

Aktuell finden sich in Dortmund zwar kaum Bands von Weltformat, doch im Proberaumzentrum an der Güntherstraße und unzähligen Kellern basteln Hunderte von viel versprechenden Bands unermüdlich an ihrem Traum, ihre Visionen zu verwirklichen und einmal vom Musikmachen leben zu können. Die Girl-Punkrock-Band Pristine zum Beispiel. Nach ihrem Debütalbum „Hands Up! Hands Up!“ konnten sie sich über einen Bandwettbewerb für einen Auftritt auf der Alternastage bei Rock am Ring qualifizieren. Auch die Dortmunder Band „Exposed To Noise“ spielte bereits bei Rock am Ring. Da muss man schon ganz schön gut sein.

Über den Autor

Dirk Siepe, Jahrgang 1967, war zwischen 1994 und 2003 Redakteur und Chefredakteur beim Musikmagazins VISIONS und ist seit 2003 u.a. als Übersetzer, Bandmanager und freier Autor tätig. Neben der Musik, guten Büchern und Filmen liebt er auch alles, was mit Wasser zu tun hat (Segeln etc.). Lebt und arbeitet in Dortmund, wo er sich in einer Software-Firma um Marketing- und PR-Belange kümmert.


Siggi Gerhard Swingtett


Invisible Limits


Gruppenbild der Ace Cats

Ace Cats


Foto der Band Voodoocult

Voodoocult


Foto der Band Jelly Planet

Jelly Planet


Foto der Band Phantoms Of Future

Phantoms Of Future


Foto der Band Pristine

Pristine

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